„Ein Ursinus fragt nicht zweimal“

Sonneberg. Es war schon ein Paukenschlag, mit dem Sonnebergs Handballverein (SHV) in den zurückliegenden Tagen aufwartete. Hans-Joachim Ursinus wird sportlicher Leiter in Sonneberg und soll den Südthüringern zur mehr Professionalität verhelfen. Dabei gibt es beim SHV zwei Projekte, die mit Ursinus richtig Fahrt aufnehmen sollen und sich gegenseitig bedingen. Zum einen das Projekt „Handball statt Internet“, mit welchem Kinder und Jugendliche für den (Handball-) Sport begeistert werden sollen. Und zum anderen das neue Ziel, der Aufstieg in die Mitteldeutsche Handballoberliga, welcher unter anderem die Attraktivität des Vereins weiter stärken soll. Zur Verknüpfung dieser beiden Projekte wird von nun an Hans-Joachim Ursinus die sportlichen Zügel im Hintergrund in die Hand nehmen. „Allein mit seiner Erfahrung wird er unsere  Entwicklung in verschiedensten Bereichen extrem voranbringen!“, ist sich Vereinsvorsitzender Alexander Ebert sicher. Er war es auch, über den der Kontakt zustande kam.

Doch wer ist dieser Ursinus und was treibt ihn an, sich in Sonneberg zu engagieren? Martin Blechschmidt vom SHV sprach mit ihm.

 

Hans-Joachim Ursinus wurde 1945 in Meißen geboren. Von 1964 bis 1968 absolvierte er ein Studium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport, DHFK Leipzig und schloss mit der Note „sehr gut“ seinen Diplom-Sportlehrer ab. Anschließend war er im Alter von nur 23 Jahren für die Ausbildung der Diplom-Sportlehrerstudenten als Hochschullehrer in Leipzig verantwortlich. „Parallel zum Studium und zur Lehrertätigkeit war ich Handballspieler beim SC DHFK Leipzig. Wir gewannen damals mehrfach die DDR-Meisterschaft, den Pokal und sogar den Europapokal. Auch in die DDR-Juniorenauswahl wurde ich berufen“, gibt der mittlerweile 71-Jährige zu Protokoll. Sein Alter merkt man ihm dabei in keiner Weise an. „Es gibt ja immer zwei Betrachtungsweisen“, schmunzelt er, „das kalendarische und das biologische Alter“. Er fühle sich noch topfit, hat auch Krankheiten überstanden und kehrte stets gestärkt zurück. „In meinem Fitnessstudio in Eisenach, welches ich über 25 Jahre aufgebaut und mittlerweile an meinen Sohn übergeben habe, leite ich immer noch aktiv einige Kurse und halte mich so natürlich körperlich fit.“ Doch das reicht dem Mann, der eigentlich beruhigt Rente beziehen könnte, auch nicht. „Im letzten Jahr (Mai 2015) gründete ich mit Trainerkollege Frank Ihl gemeinsam eine Spielervermittlungsagentur, weil wir einen großen Bedarf an Spielern, gerade im Amateurbereich unterhalb der Bundesliga sahen. Innerhalb eines Jahres etablierten wir uns unter den Topadressen in Deutschland und haben Anfragen aus ganz Europa, Afrika und sogar Brasilien.“ Zu Gute kommt ihm dabei natürlich seine langjährige Trainerlaufbahn und die dabei geknüpften Kontakte.

Mit gerade einmal 29 Lenzen war er einst jüngster Trainer in der höchsten Spielklasse der DDR und meisterte dabei auch den Spagat vom Spieler, über den Spielertrainer hin zum reinen Trainer. Sage und schreibe 19 Jahre (1974 – 1992) war er dabei ununterbrochen in Eisenach tätig. „Als Betriebssportgemeinschaft (BSG) lehrten wir den großen Sportclubs ein ums andere Mal das Fürchten“, berichtet er immer noch sichtlich stolz. „Nach der Wende hielten wir uns auch in der dann eingleisigen, gesamtdeutschen Bundesliga und das war wirklich stets ein Kraftakt, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich.“ Es folgten Engagements bei den Bundesligisten in Günzburg, Melsungen und Niestetal/Staufenberg in der ersten und zweiten Liga. Auch im Werratal war Ursinus tätig und rettete das Team damals vor dem Abstieg und führte es gar in die zweite Bundesliga. Zuletzt trainierte er bis 2014 die HSG Eitra. Auf der Trainerbank möchte Hans-Joachim Ursinus jetzt nicht mehr als verantwortlicher Cheftrainer Platz nehmen, sondern viel mehr helfen, notwendige Strukturen zu schaffen und dabei die Schnittstelle zwischen Management und Sport nachhaltig auszubauen und zu festigen. Seine jahrzehntelange Erfahrung im Handballsport kann den Sonnebergern dabei natürlich in allen Bereich helfen – sowohl sportlich als auch wirtschaftlich.

Doch wie kam es zu dem Engagement in Sonneberg?

„Beweisen muss ich mir nichts mehr“, stellt er gleich klar, „doch ohne Handball geht’s halt auch nicht. Dieser ‚Stallgeruch‘, wenn du in eine Halle kommst, den kann man nicht ignorieren. Und deshalb habe ich mit verschiedenen Thüringer Vereinen gesprochen, wie sie sich die Zukunft vorstellen und dabei auch meine Hilfe und Unterstützung angeboten. Doch ein Ursinus fragt nur einmal, denn aufdrängeln muss ich mich nicht mehr!“ Stellt er deutlich und entschieden fest. Er ist ein Mann der klaren Worte, was ihm vor allem zu DDR-Zeiten nicht nur Freunde machte, doch eben jene Geradlinigkeit zeichnete ihn seit jeher aus. Und diese Entschlossenheit, sich für eine Vision voll und ganz einzusetzen, diese Entschlossenheit erkannte er auch bei den Gesprächen mit den Sonneberger Verantwortlichen. „Anfangs ging es nur um die Vermittlung von Spielern, doch schnell wurde beiden Seiten klar, dass man ähnliche Vorstellungen und Pläne, ja Visionen von der Zukunft hatte und so wurden die Gespräche intensiver“, verrät er. „Schnell ging es nicht mehr nur darum, ob ich helfen kann, sondern wie ich helfen kann. Und dass ich überzeugt von dem Projekt bin, zeigt allein die Tatsache, dass ich jedes mal 250 Kilometer Fahrt auf mich nehme! Zusätzlich motiviert mich natürlich die Tatsache, dass immer mehr Thüringer Handballvereine trotz Meisterschaft nicht aufsteigen und die neue Herausforderung einer höheren Liga annehmen wollen. In Sonneberg wollen wir ein solches Projekt gemeinsam erfolgreich verwirklichen.“

Die Funktionen und Aufgaben eines sportlichen Leiters beschreiben sein zukünftiges Aufgabenfeld in der Spielzeugstadt wohl am besten. „Ich werde mich einerseits um die Sponsorenakquise und Sponsorenbetreuung kümmern und außerdem beratend zur Seite stehen. Im sportlichen Bereich möchte ich vor allem meine Erfahrungen mit einbringen und so Manuel und sein Team voranbringen. Das geht über mögliche Unterstützung bei der Funktionsdiagnostik bis hin zur Spielvorbereitung und Spielnachbereitung.“ Zur Verwirklichung seiner Aufgaben kommt „Achim“, wie er eigentlich von allen nur genannt wird, einmal unter der Woche und zu den Heimspielen nach Sonneberg. „Den Rest kann man heutzutage ja bequem über die elektronischen Kanäle klären“, sagt der 71-Jährige mit der Selbstverständlichkeit eines 20-Jährigen.

Hans-Joachim Ursinus ist und bleibt ein besonderer Handballer, von dem man sich in Sonneberg nicht viel mehr verspricht, als das er die nötige Unterstützung dafür ist, den Verein auf professionelle Beine zu stellen. Eine Herausforderung, der sich Ursinus gerne stellt, denn „man braucht ja noch Ziele im Leben“, schließt er lachend ab und belegt damit zugleich seine Theorie über das eigene Alter.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute in Sonneberg! (Presse SHV/Martin Blechschmidt)

 

Bild von: Stefan Thomas | www.camera900.de